Die Philosophie der Sattelanpassung

von Jochen Schleese

Die Philosophie der Sattelanpassung

von Jochen Schleese

Sattelanpassung

Frage 1: Warum ist das Sattelanpassen in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema geworden?
Frage 2: Wer sagt, dass es so wichtig ist?
Frage 3: Welche Logik steckt hinter der Sattelanpassung?

Eigentlich geht es um gesunden Menschenverstand, den des Freizeitreiters ebenso wie den eines Reiters, der an den olympischen Spielen teilnimmt. Das Thema, um das es sich dreht, ist schließlich eine wichtige Voraussetzung für die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Pferde. Als ich mir die Ritte der letzten olympischen Spiele angesehen und bemerkt habe, wie es um einige Sättel und Kopfstücke der dort gerittenen Pferde stand, musste ich mir eingestehen, dass ich es schwierig fand, weiter zuzuschauen.

Die Sattelpassform ist in den letzten Jahren ein populäres Thema geworden, in vielerlei Hinsicht, auf vielen Kongressen, ob es um rechtliche Themen geht, die durch strittige Anpassungen aufkamen, oder darum, das Thema in die Ausbildung von Tierärzten zu integrieren, damit die Mediziner mögliche Gründe für symptomatische Lahmheiten oder andere Probleme in der engen Beziehung zwischen Mensch und Pferd besser verstehen.

Jede/r Reiter/in sollte sich Folgendes fragen:

  1. Was möchte ich mit diesem Sport oder Hobby erreichen?
  2. Möchte ich eine Ausrüstung, die mich oder mein Pferd beeinträchtigt und uns Schmerzen oder Schaden zufügt oder
  3. Möchte ich eine Ausrüstung, die es mir ermöglicht, die bestmöglichen Leistungen meines Pferdes zu zeigen und darzustellen, wie hoch unser Potential ist, ohne dass mein Pferd  Langzeitschäden erleidet?

Pferd (1), Reiter (2) und Sattel (3) sind die Schlüsselelemente eines Teams. Das Teamziel kann nur dann erreicht werden, wenn alle drei Teammitglieder optimal zusammenarbeiten.
Teammitglied 1 wird sein Exterieur verändern, durch das Training, durch seine Gesundheit, seine Kondition, sein Alter und die Ernährung. Teammitglied 2 wird sich verändern, weil er oder sie besser oder in unterschiedlichen Disziplinen reitet, sich an unterschiedlichen Ausbildern orientiert, unterschiedliche Pferde reitet oder an Gewicht zu- oder abnimmt. Teammitglied 3 kann sich durch eine verschobene Füllung, den Zustand des Leders, gedehnte Steigbügelriemen, gesetzte Sitzpolsterung oder sogar einen verdrehten Sattelbaum, der sich an die ungleiche Muskulatur des Pferdes oder Reiters angepasst hat, verändern.

Was ist das wirkliche Ziel beim Reiten, außer, dass man Spaß haben möchte?

Sie möchten gewährleisten, dass es sicher ist und nicht zu Wirbelsäulenverletzungen kommt, weder bei Ihnen, noch bei Ihrem Pferd. Es soll weder zu Bindegewebsverletzungen, noch zu Nervenschäden, Haut- oder Fellabschürfungen oder verminderter Durchblutung kommen, Sie wollen über dem Schwerpunkt sitzen. Es geht Ihnen vor allem um die Harmonie zwischen Ihnen und Ihrem Pferd.

Wer sagt das?

Dieser Meinung sind alle Profis, die auf irgendeine Art von Pferden leben: Tierärzte, Ausbilder, Sattler, Chiropraktiker, Physiotherapeuten, Richter und andere Spezialisten. Sie alle sind die Schlüsselelemente, die Einfluss auf Ihr Pferd nehmen.

Welche Logik und welcher gesunde Menschenverstand steckt dahinter?

In jedem Sport, aber auch in alltäglichen Aktivitäten folgen Menschen beim Treffen von Entscheidungen ihren Instinkten, wenn ihnen das sinnvoll erscheint, oder es logisch und leicht zu erklären ist. Ist das der Fall, folgen wir unseren Gefühlen und erklären uns das Ganze mit „gesundem Menschenverstand“, der uns weiterbringt und zwischen uns und unserem Pferd zu Harmonie führt.
Hier sind einige der Hauptkriterien aufgeführt, die wichtig sind, um die Sattelpassform im Hinblick auf Harmonie im Team von Pferd und Reiter zu beurteilen:

Pferd REITER SATTEL
Geschlecht und Exterieur Geschlecht und Körperform Weichheit

der Kissen

Größe und Form der Sattel- Unterstützungsfläche  (SSA) Sitzgröße, -breite, Drehung, Komfort, Höhe des Hinterzwiesels und Unterstützung durch die Sitzpolsterung (Tiefe) Weichheit

des Leders

Form und Winkel von

Widerrist und Schulter

Breite, Länge und Winkel des Sattelblatts Art des

Baums

Art und Form des Sattels Art und Länge der Steigbügelaufhängung Nähte
Gewünschte Sattelkissen Sitztiefe Gurtung
Wirbelsäulenfreiheit
(korrekte Weite des Kissenkanals)
Gewicht tragende Fläche Polsterung

des Sitzesbalance

Kontakt der Sattelkissen Unterstützung der Schenkel Satteltyp
Gurtlänge und -form Rigidität und Flexibilität des Sattels Satteldecke

Reiten ist ein wunderschöner, aber unnatürlicher Sport. Die Natur hatte es nicht geplant, dass Pferde geritten werden. Jahrhundertelang waren Pferde die Partner des Menschen, wenn es darum ging, Gewicht zu ziehen oder zu tragen. Die Stärke des Pferdes liegt dabei darin, Gewicht zu ziehen, denn seine Wirbelsäule ist horizontal gelagert, während die vertikale Wirbelsäule von Reitern dafür sorgt, dass Reiter gut Gewicht tragen können. Damit ein Pferd stark genug wird und seine Dienste viele Jahre lang leisten kann, muss das Gewicht, das es tragen soll, über seinem Schwerpunkt gelagert sein.

Ohne einen Sattel können die Sitzbeine des Reiters leicht zu schmerzenden Rückenmuskeln beim Pferd führen. Ohne Sattelbaum ermüden die Wirbelsäule von Pferd und Reiter schnell und schmerzen dann über einen langen Zeitraum. Der Sattelbaum gewährleistet, dass das Reitergewicht ohne negative Auswirkungen über dem Schwerpunkt getragen werden kann, wenn der Rest des Sattels korrekt angepasst wurde.

Die Sitzbeine des Reiters und das Steißbein sind dann frei. Der Kontakt des Unterschenkels des Reiters kann auf der ganzen Fläche durch den Sattelbaum ermöglicht werden und bis zur anderen Seite durchkommen, ohne die Dornfortsätze der Wirbelsäule oder die langen Rückenbänder des Pferdes zu verletzen.

Was ich vor allem sagen möchte, ist vermutlich, dass wenn alle drei Elemente des Teams gut zusammenarbeiten, wird etwas Schönes und Harmonisches die Folge sein. Etwas Schönes und Harmonisches für die Betrachter, und auch für diejenigen, die es fühlen und erleben.

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