Staubabdruck und Schweißstellen bei der Sattelanpassung

von Redaktion

Staubabdruck und Schweißstellen bei der Sattelanpassung

von Redaktion

Schweißabdrücke

Staubabdruck und Schweißstellen bei der Sattelanpassung
Jochen Schleese

Genau wie Menschen, so schwitzen auch Pferde, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Pferde haben sogenannte apokrine Schweißdrüsen. Am Ansatz jedes Haares befindet sich eine Schweißdrüse. Die Anzahl der Schweißdrüsen hängt also mit der Dichte des Haares zusammen. Der Hals schwitzt stärker als der Rücken, weil die dortigen Schweißdrüsen empfindlicher sind, nicht, weil es mehr davon gibt.
Wenn sich ein Pferd bewegt, dann ist die Luftbewegung über dem Hals höher, als über dem Rücken oder über der Kruppe. Daher schwitzen Pferde am Hals stärker. Sie haben dort eine höhere Temperaturempfindlichkeit. Eines der am häufigsten missverstandenen Zeichen der Passform eines Sattels, im guten, wie im schlechten Sinn, sind die Schweißstellen, die sich nach einem Ritt abzeichnen, wenn man das Pad abgenommen hat.
Logischerweise sollten die Staubabdrücke auf dem Pad und die Schweißstellen auf dem Pferd idealerweise so aussehen, wie auf den unten abgebildeten Fotos.

Staubabdruck
Hier sieht man exzellente Schweiß- und Staubabdrücke, die auf einen korrekt angepassten Sattel hinweisen.

Der meiste Staub sammelt sich dort an, wo die meiste Bewegung ist. Das ist vorne, wo die Schulter sich nach vorn und hinten bewegt und hinten, wo der Rücken sich nach oben und unten bewegt. Die schnelle Erklärung besagt, dass man dort, wo der Sattel den Pferdekörper kaum berührt, auch keinen Staub finden sollte, also an der Sattelkammer und dem Kissenkanal oder am Übergang zwischen Schweißblatt und Kissen.

Das weiße Dreieck unter dem vorderen Sattelbereich zeigt, dass der Sattel eine gute Lage und Passform hat, da der Sattel in diesem Bereich am ruhigsten und ohne sich zu bewegen liegen soll. Hier ruht der größte Teil unseres Gewichts, das heißt, hier gibt es keinen Staubabdruck und keine Bewegung.

Unter natürlichen Bedingungen trägt die Vorhand des Pferdes das meiste Gewicht (60 %). Sitzt der Reiter auf, erhöht sich das Gewicht auf 75 %. Der Grund dafür, dass wir gerne dieses weiße Dreieck auf dem Sattelpad sehen wollen, besteht darin, dass wir daraus ablesen, dass unsere Bemühungen, den vorderen und hinteren Bereich des Sattels frei zu halten, erfolgreich waren. Dadurch kann das Pferd den Rücken aufwölben und die Hinterhand kann aktiv werden.

Der erste Schritt, damit ein Pferd Gewicht von der Vor- auf die Hinterhand verlagern kann, ist, dass es den Rücken anhebt. Dann ist es ihm erst möglich, das Becken zu kippen, und mit der Hinterhand vermehrt nach vorne, unter den Schwerpunkt zu treten. So verlagert es Gewicht von der Vorhand auf die Hinterhand, wird in der Vorhand größer, bewegt sich freier und springt höher. Die meiste Bewegung, die man am Sattelpad ablesen kann, sollte sich in der vorderen Schulterpartie und hinten zeigen, aber nicht unter dem Dreieck.

Wenn man das Sattelpad mit einem weißen T-Shirt vergleicht, so wird sich der meiste Schmutz am Hals befinden, egal, ob das Shirt passt, oder ob nicht. Hier sammelt sich der meiste Schmutz aus der Umgebung und hier findet auch die meiste Bewegung und Berührung von Haut und Stoff statt. Der geringste Schmutzanteil wird sich dort finden, wo das Shirt eng an den Körper gepresst wird. Der Sattel sitzt unter den Ortspitzen und der Steigbügelaufhängung (Sturzfeder) am unbeweglichsten, so wie das Shirt am unbeweglichsten auf den Schultern des Menschen liegt. Hier findet sich am wenigsten Schmutz aus der Umgebung. Und hier ist es auch, wo die geringste Reibung stattfindet, da der Anteil an Bewegung zwischen Haut oder Fell und Material so gering ist.
Große , 15 bis 20 Zentimeter lange, nierenförmige trockene Stellen unter der Steigbügelaufhängung sind akzeptabel, doch in der Sattelauflagefläche sind selbst kleine trockene Punkte mit zwei Zentimetern Durchmesser ein Hinweis auf punktuellen Druck durch zusammengeklumpte Füllung der Kissen.

Die meisten englischen Sattelbäume haben einen leichten Schwung am Ende des Baumes. Dadurch kann der Sattelhersteller die Kissen im Bereich des Hinterzwiesels und der Ortspitzen und der Sturzfeder stärker füllen, um die Polsterung in diesem Bereich optimal zu gestalten.

Die Herausforderung für den Sattelanpasser und –besitzer ist es, die genau richtige Weite des Sattels zu finden, damit das Pferd nicht durch zu viel Schwung irritiert wird, es zu Haarverlust kommt und zu viel Bewegung zwischen Sattel und Reiter gibt, so dass die Hilfen missverständlich sind.

Natürlich könnten wir einen extrem breiten Baum nehmen, und durch zusätzliche Sattelpads ausgleichen. Aber kennen Sie irgendwelche Sportler, die mehrere Unterhosen oder Socken übereinander tragen, damit ihre zu großen Hosen oder Schuhe optimal passen?

Warum halten die Top-Reiter in allen englischen Reitsportdisziplinen extra breite Sattelbäume mit zusätzlichen Satteldecken nicht für die ultimative Lösung? Es würde das Leben von Sattelanpassern, Sattelherstellern, Ausbildern, Reitern und Pferden so viel einfacher machen. Doch die Logik sagt uns, dass die Reitsportindustrie dieser Modeerscheinung folgen würde, wenn sie wirklich die Lösung wäre. In Wirklichkeit möchte man aber Pferd und Reiter so nah wie möglich zusammenbringen. Der Sattel ist die Schnittstelle, die dafür sorgt, dass ein Maximum an Kommunikation und Hilfen möglich ist, ohne dass die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist oder es gar zu Langzeitschäden kommt.

Das Sattelpad sollte beim englischen Sattel lediglich dazu dienen, das Leder vor Pferdeschweiß zu schützen, denn dazu ist es gedacht. In einigen Teilen Europas wird überhaupt kein Pad benutzt. Das Wohlbefinden des Tieres ist durch einen passenden Sattel mit korrekt angepasstem Kissen gewährleistet, und nicht durch die Pads von englischen Sätteln. Bei Westernsätteln ist das anders. Hier ist der Baum gerader und größer. Es gibt keine Dämpfung, nur ein dünnes Fleece, das auf die Unterseite genagelt ist, so dass das Pad nicht rutscht. Das Westernpad dient der Polsterung eines größeren, geraderen und mehr Gewicht tragenden Baum.

Die heutigen Technologien bieten Computersattelpads, endoskopische Kameras, die während des Reitens in die Pferdemuskulatur unterhalb der Sattellage injiziert werden oder das Röntgen der Wirbelsäule von unten durch das Rektum des Pferdes. Dadurch können wir uns ein sehr viel besseres Bild der Tatsachen machen und müssen uns nicht auf Meinungen und Theorien stützen. Die Sattelanpassung ist nun wirklich eine Mischung aus Kunst und Wissenschaft. Der Staubabdruck als Anhaltspunkt für die Sattelpassform ist im Vergleich dazu willkürlich und weniger belastbar, da er durch viele Faktoren beeinflusst wird, so zum Beispiel die Bewegung des Sattelpads, wenn der Sattel zu groß ist, oder ein rutschendes Sattelpad oder eines, das unkorrekt gesäumt wurde. Es ist immer noch am besten, einen qualifizierten Sattelanpasser zu haben, um herauszufinden, was wirklich Sache ist.

 

 

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